Text 1:

In einer der vorherigen Ausgaben der Basch wurde schon umfangreich auf die Problematik des Spiels gegen Red Bull Leipzig eingegangen: Die Ausrichtung international verstreuter Teams als Marketing-Instrument für den Verkauf von Energy-Drinks mit einer Zweigstelle in Leipzig. Dieses Verhalten nicht zu akzeptieren und den Getränke-Hersteller zu
boykottieren ist auch nachvollziehbar.
Doch eine Frage wird in dem Artikel nicht thematisiert: Ob man da hinfährt oder nicht. Viele Szenen der zweiten Liga haben sich dazu entschlossen diese Spiele zu boykottieren. Als ausschlaggebend wurde das Argument genannt, dass man den Spinnern nicht noch mehr Geld in das Maul stecken will. Kann man nachvollziehen, missachtet aber vollkommen die Tatsache, dass das die Verantwortlichen von Red Bull Leipzig nicht interessieren wird. Die Bilanz des Vereins wird sich dieses Jahr bitter böse in den roten Zahlen wiederfinden. Die getätigten Investitionen in Spieler und deren Gehälter können durch die Einnahmen, die es in der zweiten Liga gibt, nicht ausgeglichen werden. Nicht verkaufte Tickets sind da in einer Größenordnung, die relativ unbedeutend sind. Der Sponsor, der dahinter steht. wird es so oder so ausgleichen.
Man kann jetzt sagen, dass es das Zeichen ist welches zählt. Das stimmt soweit natürlich auch, aber welches Zeichen setzt man? Man entzieht den Arschlöchern ein kleines bisschen Geld, wovon sie aber generell viel zu viel haben. Die Wahrscheinlichkeit, damit irgendetwas zu erreichen, ist unwahrscheinlich gering. Etwas zu erreichen ist aber auch sehr unwahrscheinlich,  besonders wenn man bedenkt, dass Liga und Fernsehen schon einen neuen Liebling gefunden haben.
Welcher Weg bleibt denn noch übrig? Der Klassische natürlich. Die Auseinandersetzung im Stadion. Auf dem Feld. Auf den Rängen. Hier darf sich nicht die Frage stellen, wer die Sau ist, die durchs Dorf getrieben werden sollte. Hier müssen die Fans und die Mannschaft alles dafür tun, dass auf der sportlichen Ebene die Mannschaft von Red Bull Leipzig und ihre dazugehörigen „Fans“ vollkommen unterlegen sind.
Wir müssen unseren Spielern zeigen, dass wir zu ihnen stehen, weil sie das Trikot des FC Sankt Pauli tragen. Das Trikot eines Vereins, der sich nicht über sportliche Erfolge oder wirtschaftliche Potenz definiert, sondern seine Kraft aus der Verbindung von Fans, Spielern und Stadtteil schöpft. Die Spieler der gegnerischen Mannschaft werden diese Verbindung nie spüren, weil sie sich dazu entschieden haben, auf diesen Teil zu verzichten. Diesen Vorteil in ein sportliches Ergebnis umzuwandeln ist die Aufgabe für das Spiel in Leipzig.

 

Text 2:

Red Bull Leipzig verrecke!

Es rückt näher, das Spiel gegen die nur mäßig gut in Vereinsstrukturen gegossene Werbekampagne von Red Bull. Ende November spielt Sankt Pauli in Leipzig gegen etwas, das die Idee von Fußball im sportlichen Wettkampf und Fußball-Ligen auf den Kopf stellt. Genauso wie Red Bull irgendeinen Typen in den Weltraum schickt, Cliffjumping-Veranstaltungen ausrichtet oder in anderen Nischen ein sehr geschicktes Marketing macht, haben sie nun einen „Verein“ im Profifußball platziert, um ihrer Marke damit auf dem Ticket des sehr hohen öffentlichen Interesses am Fußball eine hohe Werbereichweite zu verschaffen. Aus Werbe- und Marketing-Sicht eine clevere Strategie, die gekonnt auf der Grenze des Erlaubten wandelt und die Schwachstellen der Verbände und des Fußballs brutal ausnutzt.

Nachdem Red Bull damit bereits den Verein Austria Salzburg vernichtet und dort die gesamte aktive Fanszene ausgelöscht hat, kam den Marketing-Strategen von Unternehmenschef Dietrich Mateschitz offenbar die Idee, weiter auf diese Art der Reichweitengenerierung zu setzen. Unterwirft man alles einer rein kapitalistischen Verwertungslogik und einer effizienten Steuerung von Werbebudgets, dann mag das sinnvoll erscheinen. Man sucht dann die „Kanäle“, in denen das Geld am besten angelegt ist und es ist dann im ersten Schritt offen, ob man in einen Weltraumballon, eine Kampagne mit Straßenwerbung, ein Formel-1-Team oder eben einen „Fußballverein“ investiert. Die Mittel fließen in die Kanäle und Aktionen mit der höchsten Werbewirkung. Der Fußball und das Erlebnis Stadion wird hier schlicht instrumentalisiert und missbraucht. In einem Büro in Österreich mit Blick auf den Fuschlsee und mit einer Erlösprojektion für die verschiedenen Investitionen mag das plausibel sein, es ist allerdings in keiner Weise der Maßstab, den wir akzeptieren wollen.

Da ich mich zu wenig mit anderen Fanszenen der zweiten Liga beschäftige, fehlt mir ein abschließender Überblick darüber, wie die anderen Fans mit dem Konstrukt RB Leipzig umgehen. Den Medien ließ sich entnehmen, dass mehrere Testspielansetzungen gegen RB massiv kritisiert worden sind und RB als neuste und perverseste Form der Kommerzialisierung des Fußballs massiv angefeindet wird. Unter anderem aus verschiedenen Anfragen an USP schließe ich, dass viele Fanszenen sich an einem Boykott beteiligen und nicht nach Leipzig reisen. Beispielsweise habe ich entsprechende Aufrufe von Bochum und anderen Fanszenen gesehen und jüngst sparte sich wohl auch Kaiserslautern aus Protest den Familienausflug in den Osten.

Wir haben hingegen ziemlich früh entschieden, dass wir uns an einem Boykott nicht beteiligen wollen. Wir können den Sinn dahinter nur sehr bedingt erkennen. Ich persönlich halte einen Boykott für den falschen Ansatz und es kommt mir eher wie eine Verzweiflungstat nach der Maxime „Wir müssen zumindest irgendwas machen!“ vor. Es mag einen Aufmerksamkeitseffekt in der Öffentlichkeit geben, doch hat diese bisher sehr wenig Einfluss oder gar Empörung entwickelt. Die meisten Menschen außerhalb der Stadien werden vermutlich sowieso nur ein Achselzucken übrig haben, die meisten Fans lehnen den Haufen eh‘ bereits ab und die Verbände sind erbärmlich eingeknickt und gescheitert. Wer also ist der Adressat dieser Öffentlichkeitskampagne? Es bliebe höchsten noch das Argument mit den Eintrittsgeldern, aber glaubt wirklich jemand, dass das der Hebel ist, RB Leipzig als Projekt in Bedrängnis zu bringen? Ich glaube das nicht.

Doch was können wir, was können die Fans tun, um RB Leipzig zu schaden? Leider offenkundig sehr wenig. Die wesentlichen Stellen haben bereits versagt. Es bleibt uns meiner Meinung nach nur, auf den Punkt zu setzen, der ein Fundament der gesamten Fanbewegung weltweit bildet. Es ist der Glaube daran, dass wir mit unserer Liebe und unseren Emotionen einen Unterschied machen können. Wir fahren nach Leipzig, denn es ist diese Kleinigkeit, an die wir glauben müssen: Für unsere Mannschaft singen, sie anfeuern und irgendwie unseren Teil dazu beitragen, dass wir da Punkte holen, RB Leipzig den Aufstieg nicht schafft, der Marketingplan (der sicherlich zukünftig mit größeren Reichweiten in weitere Kundensegmente in der ersten Liga und perspektivisch in den europäischen Wettbewerben rechnet) nicht aufgeht und die Werbemaßnahme „RB Leizpig“ an Erfolglosigkeit verreckt und eingestellt wird. So wie auch eine Plakat-Kampagne an den Hauptstraßen eingestellt wird, wenn sie nicht den gewünschten Erfolg bringt.

Hinzu kommt sicherlich der Aspekt, sich das eigene Erlebnis nicht nehmen lassen zu wollen, wenn man schon die ganze restliche Scheiße akzeptieren muss. Wir fahren zu genug beschissenen Vereinen, das kann also kaum ein Kriterium sein. Es erscheint mir doch deutlich sinnvoller, sich selber eine gute Tour zu machen, die eigene Sache zu leben und mit jedem Auswärtsspiel zu stärken, Leipzig auf allen Ebene als Herausforderung anzunehmen und das zu repräsentieren, was uns ausmacht und was wir schon in den allerletzten Winkeln des Landes gezeigt haben.

Klar ist leider auch: Es gibt sehr viel dumme Kritik an RB Leipzig. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass es an dem kritisierten Objekt irgendetwas Gutes zu finden gäbe. Auch wenn die falschen Leute mit den falschen Argumenten einen Scheißhaufen als Scheißhaufen identifizieren, so bleibt es trotzdem ein Scheißhaufen. Aufgetaucht sind neben dumpfster Homophobie natürlich auch weitere schweinedumme und politisch höchst zweifelhafte Argumente. Die Leute sollen sich einfach ficken und wieder in ihre Löcher eingraben. Während die dumme Kritik den beschissenen State-of-Mind vieler Fans in den deutschen Kurven aufzeigt und mindestens genauso bekämpft werden muss, gibt es auch hier und dort auf der anderen Seite Leute, die auf dem Rücken dieser Diskussion ihr pseudowitziges Polit-Süppchen kochen wollen und mit respektloser Satire sehr viel mehr Menschen provozieren als eventuell gewollt. Aufgrund von Uneinigkeiten in der Redaktion und dem unmittelbar bevorstehenden Druckbeginn musste an dieser Stelle eine Bewertung dieser „Linken“ und der „linken“ Kritik an der Kritik leider entfernt werden.

Alle nach Leipzig! Ultras! Südkurventour!

Red Bull Leipzig verrecke!

Anachronist